Ich weiß nicht genau, wann das angefangen hat, aber irgendwann wurde „perfekt“ zur stillen Pflicht. Nicht nur in der Chefetage. Sondern überall. In der Abrechnung, bei der Dokumentation, in der Prophylaxe, bei Social Media, im Terminbuch. Alles muss PERFEKT SEIN. Alles muss rund sein. Sonst kommt schnell dieses Gefühl auf: „Das reicht nicht, ich mach’s lieber nochmal neu.“
Und perfiderweise fühlt sich das im ersten Moment sogar gut an. Weil wir glauben, dass wir mit Perfektionismus für Qualität sorgen. Das gibt uns Sicherheit und Überblick. Es fühlt sich einfach sinnvoll an. Aber in Wahrheit sorgt es vor allem für eines: Erschöpfung. Ganz egal, ob du behandelst, organisierst, kommunizierst oder ein Team leitest; wenn du das Gefühl kennst, dass es nur perfekt richtig ist, dann bist du hier richtig.
Warum Perfektionismus zur Belastung wird
Ein hoher Qualitätsanspruch ist wichtig, keine Frage. Ich habe den auch an meine Arbeit. Aber wenn jede Kleinigkeit dreifach abgesichert werden muss, Aufgaben nicht abgegeben werden können (weil du´s selbst eh am besten und schnellsten kannst) und das ganze Team deshalb ständig unter Druck steht, stimmt etwas nicht mehr. Dann wird aus Sorgfalt Mikromanagement und aus Verantwortungsgefühl Überforderung. Perfektionismus erzeugt:
- Entscheidungsunfähigkeit („Ich muss nochmal alles durchdenken, bevor ich…“)
- enorme Zeitverluste durch übermäßige Kontrolle
- Unsicherheit, Fehler zuzugeben (das trifft auf alle im Team zu)
- Frustration, weil der angelegte Maßstab sowieso nie erreicht werden wird (vor allem bei dir)
Die Folge: Energie geht für Details verloren, die im Ergebnis niemandem auffallen und das große Ganze was du eigentlich erreichen wolltest, bleibt auf der Strecke.
Ein Beispiel aus der Praxis
In einer kleineren Praxis, die ich vergangenes Jahr betreut habe, übernahm die angestellte ZFA mit Praxismanagementqualitäten (Führungskraft) irgendwann die Kontrolle über alles. Jede Urlaubsanfrage, jede Social-Media-Planung und jede QM-Vorlage musste über ihren Tisch. Sie hat damit angefangen, weil sie das Gefühl hatte, nur so bleibe die Qualität konstant. Und was passierte wirklich? Die Stimmung im Team kippte. Kolleg:innen zogen sich zurück und fingen hinter ihrem Rücken an, über die Führungskraft zu lästern. Aufgaben blieben liegen, weil niemand sich noch eine Moralpredigt von ihr anhören wollte. Auf lange Sicht häuften sich sogar die Krankmeldungen in der Praxis.
Erst als durch unsere Zusammenarbeit die Verantwortung bewusst auf mehrere Schultern verteilt und Prozesse gemeinsam neu strukturiert wurden, entstand die gewünschte Entlastung für die Praxisleitung. Natürlich lief nicht alles plötzlich perfekt, aber Schritt für Schritt besserte sich auch der Zusammenhalt im Team wieder nachdem diese Schritte umgesetzt wurden:
Vertrauen statt Mikromanagement:
Setze auf klar definierte Standards und regelmäßige Übergaben.
Checklisten für wiederkehrende Prozesse:
Sie entlasten den Kopf und verringern die Fehlerquote.
Fehler sichtbar machen
ohne Schuldzuweisung: Nur wer offen über die Herausforderungen im Praxisteam spricht, kann sie lösen.
Ziel- statt Detailorientierung:
Nicht alles muss perfekt sein, aber vieles darf gut genug sein.